Quickshot - Schnellschuss vom 08.12.2000 Quickshot-Index

Unfassbare Traumbilder öffnen Herz und Hirn

Staatsgalerie präsentiert »Yves Tanguy und der Surrealismus«

Stuttgart (hg). Einen der ganz großen Surrealisten, in der internationalen Kunstszene längst ein Begriff und in Deutschland unverständlicherweise weitgehend unbekannt, stellt die Stuttgarter Staatsgalerie jetzt in einer umfassenden Retrospektive vor.

Von Yves Tanguy (1900 - 1955) werden rund 150 Arbeiten gezeigt, darunter 80 Gemälde und 50 Arbeiten auf Papier. Die Bedeutung, die die Staatsgalerie dem Franzosen beimisst, wird schon durch zwei »Äußerlichkeiten« deutlich, die keine Kleinigkeiten sind. Zum einen werden seinen Arbeiten Werke von Dalí, Ernst, Masson etc. gegenübergestellt; Tanguy also einer Reihe populärer Namen. Zum anderen sind in der Rotunde der ersten Etage der Galerie, dem Eingang zur klassischen Moderne, Arbeiten Tanguys aus seiner amerikanischen Zeit zu sehen. Man wird so zum Vergleich aufgefordert und stellt fest, dass Tanguy den nicht scheuen muss.

Der Bretone Tanguy, dessen Herkunft in seinen Bildern sich immer wieder andeutet, war Autodidakt. Über erste Versuche im Kubismus und Futurismus stieß er in den 20er Jahren zur Pariser Avantgarde. Entscheidend wurde das Zusammentreffen mit André Breton, in den »Cadavres exquis« entstanden surrealistische Bilderspiele. Der Einfluss Bretons, die Ideen der Surrealisten, das automatistische Zeichnen und die rätselhaften Bildmotive, die nicht zu entschlüsseln sind, wurden prägend, wandelten sich zwar im Laufe der Zeit, doch verlassen hat diese Grundlage Tanguy eigentlich nie.

Die Ausstellung präsentiert deutlich Entwicklungen in Tanguys künstlerischem Tun. Von den nebulösen Sfumatobildern mit diffusen Andeutungen führt der Weg zu immer präziserer Formgebung. Dies alles mündet während der amerikanischen Zeit (1940 bis 1955) in kontrastreicher Farbigkeit und einem verblüffendem Formenreichtum. Im Spätwerk erscheinen skelettartige Gebilde, die zu geometrischen Formen verbunden sind, die an Skulpturen erinnern. So man möchte, kann man der Interpretation folgen, die in Tanguys letzten Bildern, die mit ihren unendlichen Steinwüsten wieder an die Bretagne erinnern, das Ende der Zivilisation ahnen lassen und darüber hinaus blicken.

Über viele Bilder der Ausstellung kann man herrlich diskutieren, man wird immer wieder bei den verschiedensten Arbeiten Motivteile entdecken, die einander ähneln, man wird rätseln und raten und sich von der Poetik der französischen Bildtitel einfangen lassen, die zum Teil für den Interpretationsversuch so wichtig sind; wissend, dass die Interpretation als schlüssig beendet hier nie gelten kann. Hinweise zur Betrachtung, Seh- und Denkhilfen findet man in dem Katalogbuch »Yves Tanguy und der Surrealismus« von Karin von Maur, die auch die Ausstellung verantwortet. Dieser Band ist, man darf es ruhig so sagen, ein rechter Knaller. Für den »geübten« Kunstfreund ermöglicht nicht zuletzt der gescheite Beitrag von Maurs eine Einordnung Tanguys in die Kunstgeschichte, die bisher so nicht möglich war. Der Band, der auch zum Verständnis des Surrealismus so viel beiträgt, bringt dem Otto-Normal-Kunstfreund auch den Menschen Tanguy näher; so man möchte: faszinierender Tratsch ist zu finden. Und auch ihm folgend erschließt sich die Kunst.

»»» Die Ausstellung dauert bis 29.4. 2001 und ist täglich von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, geöffnet.